Shahla und Hamid

Landstuhl Regional Medical Center, Deutschland


Sowie er in Deutschland das Flugzeug verließ, wusste Hamid, dass er einen Fehler beging. Trotzdem schaffte er es nicht, Shahla fernzubleiben. Eigentlich müsste er gleich weiterfliegen, seine Aufgabe war erledigt, Khalawihiri war in amerikanischem Gewahrsam. Stattdessen betrat er das Landstuhl Regional Medical Center und erkundigte sich an der Anmeldung nach der TURT/LE-Agentin. Shahla hatte sich trotz oder vielleicht gerade wegen der heiklen Situation in den letzten Tagen heimlich in sein Herz geschlichen. Und genau deshalb war es ein Fehler, hier zu sein. Er sollte lieber einen klaren Schnitt machen und die Sache abhaken.
    Als er die Zimmernummer hatte, wandte er sich automatisch dem Treppenhaus zu. Er war noch nicht bereit, wieder in einen Fahrstuhl zu steigen, in dem es nur einen Ausgang gab und keine Möglichkeit sich zu verteidigen. Automatisch tastete seine Hand nach der Pistole, doch die hatte er am Eingang abgeben müssen. Hamid ging den langen Gang entlang, der zu Shahlas Zimmer führte. Bevor er die Tür öffnete, strich er über sein glattrasiertes Kinn. Es war ungewohnt, nachdem er so lange einen Vollbart getragen hatte.

    Zögernd drückte er die Klinke hinunter und blickte in den Raum. Shahla lag mit geschlossenen Augen im Bett, ihrem bleichen Gesicht war die Qual der letzten Tage anzusehen. Hamid zog sich einen Stuhl dicht neben das Bett und setzte sich. Mit dem Finger fuhr er vorsichtig ihre Gesichtszüge nach, um sie nicht aufzuwecken. Er wünschte, er könnte in ihre wunderschönen grünen Augen sehen, aber es war besser, wenn sie gar nicht merkte, dass er da war.

    Eigentlich wollte er nur kurz nach ihr sehen, aber schließlich blieb er doch mehrere Stunden. Erst als ein Arzt ins Zimmer kam, stand er auf. Er schrieb eine Nachricht und legte sie ihr zusammen mit seinem Talisman in die Hand. Nach kurzem Zögern beugte er sich über sie und küsste sie sanft auf den Mund. Vor der Tür unterhielt er sich mit dem behandelnden Arzt und ging dann rasch auf das Treppenhaus zu, damit er nicht Gefahr lief, doch bei Shahla zu bleiben.

    Am Ende des Korridors zog er gerade die Glastür auf, als er hinter sich einen Laut hörte. Ohne sich umzudrehen, wusste er, dass Shahla ihn entdeckt hatte.

        „Hamid?“

    Schmerz durchzuckte ihn, als er ihre Stimme hörte und er schloss kurz die Augen. Dann trat er durch die Tür und lief schnell die Treppe hinunter, um nicht der Versuchung zu erliegen, zu ihr zurückzukehren.



Wer jetzt wissen möchte, wie es mit Shahla (Kyla) und Hamid weitergeht, kann dies in 'Riskantes Manöver' erfahren.



[Diese Szene wurde zuerst veröffentlicht im Katalog der LoveLetter Convention Berlin 2013.]